Nee, amerikanische Autofahrer.
15. März 2026
Ich habe mir heute Regis‘ Enduro geliehen und bin zum Mapanuepe See gefahren um mir den mal anzuschauen, und weil ich mal raus musst nach Tagen Schrauben, Reparieren Bootszulassungsproblemen.
Der Mapanuepe See wurde durch die Natur angestaut, nach dem Ausbruch von Pinatubo, bei dem der Talausgang mit Asche verschlossen wurde. Dabei wurde die Ortschaft die in dem Tal lag überflutet. Man kann sich mit einer Bangka dorthin fahren lassen und angeblich dann die Kirchturmspitze unter Wasser sehen. An dem der neu angelegten Ortschaft gegenüberliegenden Ufer gibt es einen Campingplatz, den die Lokalen „New Zealand in the Philippines“ nennen, demnach wurde er von einem Neuseeländer angelegt. Dort wollte ich eigentlich hin, aber in meinem Nachgrippe Zustand waren die kilometerlangen Lahar Feldwege, die man fahren muss um dorthin zu gelangen, eher abschreckend. Deshalb habe ich mich dieses mal mit dem Besuch der Ortschaft begnügt.
Vor der Fahrt hatte ich den Tankrucksach gepackt, Werkzug, Reifenpilot, Reifenflickzeug, Montiereisen, Verbandspäckchen, Wasserflasche und Kamera. Ich hatte mir noch überlegt, ob ich ein Bowdenzug Repair Kit mitnehmen soll. Mir ist zwar jahrzehntelang kein Zug mehr gerissen, aber mit meiner alten R25 und meiner CB125J kam das in den 1980er Jahren öfter vor. Und immerhin hatte ich ja vor in die Pampa zu fahren, da kann man nicht genug vorbereitet sein. Das Kit habe ich dann aber nicht gefunden. Deshalb fragte mich mein Unterbewusstsein dann dauern während der Fahrt: „und was ist wenn der Zug dann doch reißt?“
Die Fahrt ging erst durch Subic und dann über Feldwege mit losem Lahar am Flussufer entlang. Ich war auf dem Rückweg dann etwas erledigt, da ich noch mit den Nachwehen der ziemlich heftigen Virusinfektion der Atemwege zu kämpfen hatte. Deshalb war ich froh als ich wieder Asphalt unter den Rädern hatte.


Ab Subic staut sich der Verkehr. Wegen meiner Müdigkeit fahre ich mal ausnahmsweise nicht zwischen den stehenden Autos durch, sondern verhalte mich vorschriftsmäßig und halte auch hinter den Autos. Nach mehreren Stops komme ich hinter einem roten SUV zu stehen. Da ich annehme dass es gleich weitergeht schaltete ich nicht in den Leerlauf sondern stoppte mit gezogener Kupplung.
Und dann trifft mich aus dem Nichts Zeus‘ Hammer, das Motorrad beschleunigt vorwärts, unter mir weg und ich werde nach rechts auf die Strasse geschleudert, mein rechtes Bein noch unter dem Motorrad. Das Motorrad klettert mit dem Vorderrad an der Rückwand des SUV empor und sein Vorderreifen verkeilt sich im am Heck des Fahrzuges montierten Reserverad und bleibt dann so auf der Seite liegen. Das Hinterrad dreht sich im Leeren und erzeugt keinen Vorschub mehr. „Scheisse, Kupplungszug gerissen..“ ist mein erster Gedanke, wohl konditioniert von den Gedanken daran am Vormittag. Oder mein Fehler? Mit 45 Jahren Motorraderfahrung? Eher unwahrscheinlich.
Der Motor der Honda läuft weiter, das Hinterrad dreht sich, ein kurzer mentaler Check, nichts tut fürchterlich weh, auch wenn ich aus Erfahrung weiss dass das oft mit Verzögerung kommt. Trotzdem, ganz schnell den rechten Fuß unter dem Motorrad rausziehen, und zum Kill Schalter reichen und den Motor ausschalten. In der Seitenlage ist der Ölkreislauf gestört, Weiterlaufen geht dann an die Substanz. Stehen geht auch ohne Probleme, und nachdem ich das Motorrad etwas zurückgezogen und vom SUV befreit habe, ergibt eine schnelle visuelle Inspektion dass am SUV nichts wirklich kaputt zu sein scheint, die nächsten Aktionen gilt also dem Fahrer des Fahrzeuges. Es war offensichtlich meine Schuld das ich in ihn reingeknallt bin, also unbedingt vermeiden dass er auf Polizei besteht. Das bringt nur Probleme, und hilft wirklich niemandem. Die Versicherung der Honda deckt nur Personenschäden ab, d.h. das ist auch keine Option. Wenn ich ihm 4,000 Pesos anbiete um Lackschäden zu beseitigen sollte er vielleicht OK sein.
Da kommt er auch schon um das Auto herum. Auch ein Expat, vielleicht 10 Jahre jünger als ich. Er hat anscheinend auch keine Lust auf Polizei, fragt ob ich OK sei, schaut sich kurz sein Auto an und meint dann „Nichts passiert, ich fahre weiter.“
Gut soweit. Jetzt musste ich nur das Motorrad auf Fahrfähigkeit prüfen und kann dann langsam nach Hause fahren, ca. 15 km weit, das sollte machbar sein. Der Kupplungszug ist nicht gerissen, die Kupplung funktioniert noch. Was zum Henker war das dann? Sekundenschlaf? Hab ich die Kupplung fahren lassen und vorher Gas aufgezogen? Im Leerlauf hätte das hätte den Motor abwürgen müssen. Die ganze Sache ist mir unerklärlich. Benzin ist keins ausgelaufen, Öl auch nicht. Das sind schon mal gute Nachrichten. Also, das Motorrad wieder in die Senkrechte, plötzlich stehen zwei junge Frauen neben mir, fragen ob ich OK bin und bieten mir Wasser an. „I am OK, please help me to pick up the motorbike.“ Das tun wir dann gemeinsam. Der Rahmen der Lenkerverkleidung ist so verbogen dass man nur nach links lenken kann. Also erst mal an den Straßenrand damit für einen Geradebiegeversuch. Auf der anderen Straßenseite ist eine Hauseinfahrt, dort schieben wir das Moped erst mal hin.
Ich versuche die Lenkerverkleidung zurückzubiegen, geht nicht. Also Werkzeug raus und die Scheibe, die mit dem Kupplungshebel kollidiert, abmontieren. Dann bitte ich die zwei Frauen, die inzwischen ihr Auto auch in die Hauseinfahrt gefahren haben (es sitzen noch zwei weitere Frauen drin), das Motorrand festzuhalten während ich biege. Das geht. Wir bekommen das soweit hin dass sich wieder lenken lässt, allerdings nur ohne Scheibe.
Dann merke ich dass mir rechts das Schienbein wehtut. Ich schiebe die Jeans hoch, und entblöße einen kräftigen „Jeans Burn“. Nur die Haut abgeschürft aber es blutet ziemlich. Das erste Mal das das Verbandspäckchen in Aktion tritt. Ich hatte es vor Jahren bei Louis in Deutschland gekauft. Das Leukoplast klebt nicht mehr und ist natürlich nicht mehr ordnungsgemäß zu gebrauchen. Aber mehr abrollen und es dann als Schnur verwenden geht noch. Damit mehrere Runden um das Verbandspäckchen, das sollte bis zum Krankenhaus reichen. Ansonsten ist das Päckchen noch OK. Nachdem ich mein Bein versorgt habe benutze ich den Rest des Leukoplast und die Verkleidungsscheibe and den Gepäckträger zu binden. Die zwei Frauen schauen etwas entgeistert zu – kann man das so machen? Eine schnappt sich einen Schraubenzieher und will an den Instrumenten rumschrauben. Ich sage ihr, sie soll das lassen. Sie fragen immer wieder ob ich OK sei und ich sollte doch ihr Wasser trinken. Ich frage sie woher sie kommen, Manila? „US, Cleveland“ war die Antwort. Ah. Balikbayan. Urlaub in dem Land ihrer Vorfahren. „Ach so, deswegen habt Ihr gehalten, die Lokalen halten nämlich nicht bei einem Unfall.“ Ich hatte immer noch nicht geschnallt was wirklich passiert war.
Sie fragen noch mal „Are you OK?“ Ich bestätige, ihre Fragerei geht mir auf die Nerven (ich hab‘s immer noch nicht geschnallt), meine Sorgen drehen sich darum wie ich das Motorrad mit geringstem Aufwand nach Hause bringe, vorher noch im Krankenhaus vorbeischaue um die Wunde reinigen und desinfizieren zu lassen. Immerhin ist sie ja jetzt jeder Menge tropischer Krankheitserreger ausgesetzt, auf der verdreckten Strasse. „OK, then we go now.“ „OK, thanks for helping.“ Beim Wegfahren sehe ich dass ihr vorderes Nummernschild verbogen ist und schwarze Gummispuren dran sind.
Da geht mir ein Licht auf. Kein gerissener Kupplungszug, kein Sekundenschlaf, die Tussies haben mich von hinten gerammt und vom Moped geschmissen. Und ich war so auf Kabelzug Repair Kit konditioniert dass mir die Möglichkeit gar nicht in den Sinn kam. Wäre mir auch sonst nicht, denn wer macht denn sowas (ausser Amis vielleicht, wenn man sich so manches YouTube Video anschaut)? Das Adrenalin, was sich während des Unfalls und direkt danach in normalem Level befand, steigt plötzlich in‘s Unermessliche und ich bekomme einen ziemlichen Wutanfall. Ich will mich schon auf‘s Motorrad schwingen und sie zur Strecke bringen, aber dann setzt zum Glück die Vernunft ein. Auf einen Startsky and Hutch habe ich eigentlich keine Lust und ob das Motorrad in dem Zustand für eine Verfolgungsjagt geeignet ist, ist zumindest fraglich. Und was hätte es gebracht? Polizei, den Versuch bei der Philippinischen Versicherung einen Schaden geltend zu machen, mit dem einzigen Zeugen, der eh nicht‘s gesehen hat und gleich weggefahren ist, …
Also schwinge ich mich auf‘s Motorrad und fahre dann in Schrittgeschwindigkeit bis zum Gate der SBFZ, diesmal an den stehenden Autos vorbei, und dann schneller innerhalb der SBFZ zum Krankenhaus. Dort wirddas Bein geröntgt, gereinigt, desinfiziert und ich bekomme die längst fällige Tetanus Auffrischung, (Da hatte der Unfall ja dann doch was Gutes).
Es kostet mich dann eine halben Tag Arbeit um die Lenkerverkleidung abzuschrauben, gerade zu biegen (so gut wie möglich), zu grundieren und mattschwarz zu spritzen und wieder zu montieren, An der Scheibe sieht man es noch, die muss ich irgendwann mal mit der Schwabbelscheibe bearbeiten.


Ich hoffe dass mein Karma einen Boost bekam da ich die Unfallschuldingen nicht weiterverfolgte. Und ihres ein Downgrade dafür dass sie sich mit kaum Fahrkenntnissen auf die Strasse wagen.
Und was haben wir daraus gelernt?
- Suche den Fehler nicht zuerst bei Dir selbst.
- Trau keinen amerikanischen Autofahrern.
- Es ist absolut OK zwischen stehenden Autos mit dem Motorrad durchzufahren (Schrittgeschwindigkeit).
- Check Verbandspäckchen regelmäßig, vor allen in den Tropen.
- Bowdenzug Repair Kits sind nicht so wichtig.